Das Füllhorn

Das Füllhorn

März 29, 2020 Aktuelles Märchen und Geschichten 0

Du liegst ganz ruhig und entspannt auf deiner weiten Wiese und denkst an nichts. Du atmest tief ein und wieder tief aus. Du hörst die Geräusche um dich, lässt dich durch sie aber nicht stören. Du schaust vielleicht in den weiten Himmel über dir und siehst die Wolken ziehen, aber vielleicht hast du die Augen auch geschlossen und siehst gar nichts.

Aber plötzlich merkst du, wie etwas neben dir steht. Du weißt, es ist ein freundliches Wesen, nämlich dein ganz persönlicher Entspannungswichtel.

Wie er genau aussieht, das musst du dir selbst überlegen. Vielleicht hat er einen Bart, vielleicht aber auch nicht, vielleicht trägt er einen Hut oder einen bunten Kittel, vielleicht hat er eine Brille auf, einen Buckel oder eine ganz besondere Nase.

Dieser Wichtel ist ein ganz besonderes Wesen. Das siehst du schon daran, dass du ihn am besten mit geschlossenen Augen sehen kannst. Heute wirst du mit ihm keine Abenteuer erleben, sondern heute erzählt er dir eine Geschichte. Und jetzt fängt der damit an:

„Ich erzähle dir jetzt vom Füllhorn. Das Füllhorn sieht so aus wie eine große Wundertüte, dort sind alle deine guten und weniger guten Eigenschaften gesammelt. Du weißt ja, manchmal bist du wütend, meistens aber nicht. Wenn du gerade nicht wütend bist, dann ist deine Wut irgendwo anders. Besser, du steckst sie ins Füllhorn, da ist sie sicher, da weißt du, wo sie ist. Oder wenn du fröhlich bist, das ist gut. Aber wenn du nicht fröhlich bist, dann ist deine Fröhlichkeit im Füllhorn, da ist sie gut aufgehoben. Und so ist es auch mit deiner Traurigkeit, deiner Konzentration, deiner Ruhe. Auch deinen Fleiß und deine Ordentlichkeit musst du manchmal in deinem Füllhorn suchen.

Und jetzt stell dir dein Füllhorn vor. Stell dir vor, wie es aussieht. Dreh es in Gedanken hin und her, es ist ganz leicht, obwohl so viel in ihm drin ist. Es geht dir nie verloren. In deinen Gedanken ist es immer sicher, immer da, wenn du an es denkst.

Du kannst viel mit ihm anfangen. Wenn du zum Beispiel wütend bist, obwohl du selber weißt, dass etwas Ruhe jetzt viel besser wäre, dann denkst du einfach an dein Füllhorn, nimmst deine Wut und legst sie da hinein. Da ist sie sicher und kann dir nicht schaden. Und dann nimmst du dir heraus, was du brauchst: Ruhe nimmst du dir zum Beispiel. Und dann wirst du ganz ruhig und alles geht viel besser.

Oder wenn du zum Beispiel Angst hast vor jemandem und weißt, dass Mut viel besser wäre, dann lässt du alles kurz mal so sein, wie es ist und denkst an dein Füllhorn. Und dann nimmst du deine Angst und legst sie dort hinein, da ist sie sicher. Und dann nimmst du dir den Mut heraus, den du brauchst, und alles geht viel besser.

Oder wenn du mal ganz aufgeregt bist und weißt, dass Konzentration und Ruhe jetzt viel besser wären, vor einer Arbeit vielleicht. Dann denkst du einfach an dein Füllhorn, nimmst deine Aufgeregtheit und legst sie dort hinein. Und dann nimmst du dir die Ruhe und die Konzentration, die du brauchst, und alles geht viel besser.

Mach aber nie zu schnell, sonst klappt es nicht. Lass dir Zeit dabei, sonst bleibt das Füllhorn verschlossen, und du kommst nicht an die Sachen heran. Wenn es nicht gleich geklappt hat, das macht nichts, das Füllhorn ist immer da, versuch es noch mal, aber lass dir mehr Zeit dabei.

So, jetzt hast du dein Füllhorn und weißt, wie du an es herankommst, an deinen Mut, deinen Fleiß, deine Fröhlichkeit und alles andere. Und wo du alles, was du gerade nicht gebrauchen kannst, hineinlegst, damit es dich nicht stört.“

Quelle: Sabine Friedrich, Volker Friebel: „Entspannung für Kinder“, rororo

 

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