Der Garten der Bedürfnisse

Du liegst ganz ruhig und entspannt auf deiner weiten Wiese und träumst so vor dich hin, da hörst du plötzlich ein helles Klingen in der Luft und weißt irgendwie, der seltsame Regenbogen ist wieder aufgetaucht. Du stehst auf, gehst über die Wiese bis dorthin, wo der Regenbogen steht und im Licht der Sonne funkelt und glänzt. Dann gehst du weiter, durch ihn hindurch. Auf der anderen Seite stehst du vor einem großen Garten mit großem Tor und sorgsam angelegten Blumen- und Gemüsebeeten. Aber auch wilde Flecken mit Dornenhecken, hohem Gras und Brennnesseln findest du dazwischen.

„Wo bin ich nur hier?“ fragst du dich. „Du bist hier im Garten deiner Wünsche und deiner Bedürfnisse“, scheppert eine lustige Stimme hinter dir.

Als du dich umdrehst, kannst du nur eine Vogelscheuche mit Zylinder, bunten alten Kleidern und blitzenden Metallstreifen im Haar und in den Kleidern erkennen.

„Ja, ich bin“, spricht die Vogelscheuche dich an. „Ich bin hier der Gärtner für dich. Ich verscheuche die Krähen, die das Obst von deinen Bäumen fressen wollen, ich pflege und gieße auch die Beete. Nun kommt, ich führe dich ein wenig herum.“

Neben der großen, dürren, schlaksigen Vogelscheuche gehst du also durch den Garten. In einem Gartenstück mit Beerenhecken, wilden Beeten und einem sprudelnden Bächlein bleibt ihr stehen.

„Hier sind wir im Garten deiner Bedürfnisse nach anderen Menschen, nach Freunden, nach deinen Eltern und Geschwistern. Hier findest du Sicherheit, Geborgenheit und Menschen, mit denen du reden oder etwas unternehmen kannst“, sagt die Vogelscheuche. „Überlege dir einmal, was dir davon gerade besonders wichtig ist und gieße es, das wächst dann!“

Das tust du, und wieder gießt ihr Beete und Hecken, zupft auch mal ein Unkraut aus und geht dann weiter. „Und hier sind wir im Garten deiner Wünsche nach Erfolg in der Schule oder bei allem anderen, was du tust. Hier findest du Anerkennung von anderen Menschen für das, was du bist und unternimmst. Überlege dir, was dir aus diesem Garten am Wichtigsten ist und gieße es, damit es wachsen kann.“

Das tust du und sagst dann zu der Vogelscheuche: „das ist der wichtigste Teil des Gartens.“ „Es mag wohl der wichtigste Teil sein+, antwortet sie, „aber wenn die beiden anderen Teile nicht in Ordnung sind, dann kommst du gar nicht erst so weit.“ Ihr gießt weiter die Beete und Hecken und zupft etwas Unkraut aus. „Nun hast du deinen Garten gesehen“, sagt die Vogelscheuche, als ihr wieder beim großen Tor angekommen seid.

„Du kannst immer wieder kommen und ihn pflegen oder auch verändern. Denke aber daran, dass du erst durch den ersten Garten, den Garten deiner einfachen Bedürfnisse, und dann durch den zweiten Garten, den Garten deiner Bedürfnisse nach Sicherheit und anderen Menschen musst, bevor du in den dritten Garten, den Garten deiner Wünsche nach Anerkennung und Erfolg, kommen kannst.“

Das merkst du dir, verabschiedest dich von der freundlichen Vogelscheuche und gehst dann durch das Regenbogentor und über deine weite Wiese langsam zurück.

(Sabine Friedrich, Volker Friebel: „Entspannung für Kinder“, rororo)

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